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Vom Unterschied zwischen Ökonomik und Ökonomie

Blogpost von root
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Stellungnahme, Prof. Dr. Claus Dierksmeier, World Ethic Institute aufgrund der Erwähnung der Gemeinwohl-Ökonomie als Wirtschaftsmodell in zwei Schulbüchern.


Rekapitulieren wir: Warum genau eigentlich sollte die von Christian Felber formulierte Theorie zur Gemeinwohlökonomie nicht in die Schulbücher? Was ich aus der Debatte mitgenommen habe, sind die folgenden Argumente: weil die Idee der Gemeinwohlökonomie „ja gewiss nicht von Felber stammt“, weil Felber „nichts Theoretisches vorzuweisen“ und keine „Wirtschaftstheorie“ habe bzw. zu „einer leistungsfähigen Theorie“ nichts beitrüge, kurz: weil von ihm Engagement und Wissenschaft bzw. „Meinung und Wissen verwechselt“ würden. Diese Ansichten – einmal abgesehen davon, dass sie selber im Duktus blanker Meinung vorgetragen wurden – werfen meines Erachtens weniger ein schlechtes Licht auf Felber und die GWÖ-Bewegung, als vielmehr auf das Selbstverständnis heutiger Wirtschaftswissenschaft.


Unterscheiden müssen wir zunächst einmal zwischen der allgemeinen Idee einer am Gemeinwohl orientierten Ökonomie (Wirtschaft) sowie Ökonomik (Wirtschaftswissenschaft) und verschiedenen konkreten Konzepten von gemeinwohl-orientierter Ökonomie sowie Ökonomik. Unter jene allgemeine Idee fallen alle Bestrebungen um gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften: von Aristoteles bis zu Adam Smith ehedem und heute von Anhängern etwa einer Share Economy, Care Economy, Blue Economy, etc. – sowie auch die derzeitige GWÖ-Bewegung, die übrigens meines Wissens nie für sich in Anspruch genommen hat, jene Idee „erfunden“ zu haben, sondern lediglich eine für das Hier und Heute passende Konzeption dafür vorzulegen.


Nun zum Theoriebegriff: Was als eine wissenschaftliche „Theorie“ gelten darf, wird von Wissenschaftsphilosophen unterschiedlich gesehen. Die neoklassische Ökonomik folgt weitgehend einem pseudonaturwissenschaftlichen Theorieverständnis. Dabei gilt: ‚die’ Wirtschaft ist ein passives Beobachtungsobjekt, und Forschung besteht in der ganz und gar wertfreien (‚positivistischen’) Beschreibung jenes Objekts und seiner mathematischen Modellierung. In der Tat: Jenem Theorieverständnis zufolge liefert Christian Felber keine ökonomische Theorie.


An jenen Kriterien scheitern aber auch Adam Smith, Karl Marx, Friedrich August von Hayek sowie, streng genommen, wohl überhaupt alle vor dem 19. Jahrhundert tätigen Ökonomen. Vorsicht ist also geboten. Denn jenes Theorieverständnis mag zwar für die Physik des 19. Jahrhunderts passend gewesen sein, aber für eine Handlungs- und Sozialwissenschaft wie die Ökonomik taugt es weniger. Ökonomik hat es schließlich nicht mit toten Objekten, sondern mit lebendigen Subjekten zu tun. Unser Wirtschaften resultiert nicht aus naturgesetzlichen Notwendigkeiten, sondern ergibt sich aus der menschlichen Freiheit – und ihrem mehr oder weniger verantwortlichen Gebrauch.


Das Interesse an einem guten und gerechten Wirtschaften war darum auch von Platon bis einschließlich zu Smith immer wesentlicher Bestandteil von ökonomischer Theorie (oikonomia, wörtlich = Lehre von den Gesetzen der Haushalte). Und zufolge gegenwärtig einflussreicher Forschergruppen (wie z.B. dem Humanistic Management Network und dem Institute for New Economic Thinking) und höchst angesehener Ökonomen (wie dem Nobelpreisträger Amartya Sen) sollte auch heute erneut dieses Interesse die Wirtschaftswissenschaften anleiten. 


Dafür empfiehlt sich, das positivistische Theorieverständnis gestriger Ökonomik durch ein pragmatistisches zu ersetzen. Dabei gelten als Theorien sodann: zur Lösung von drängenden Problemen sich als tauglich erweisende mentale Modelle; ein Theorieverständnis, das heutigen Ökonomen angesichts der ungeheuren Probleme sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit durchaus gut zu Gesicht stünde – und so auch von immer mehr Studierenden (z.B. seitens der International Student Initiative for Pluralism in Economics) eingefordert wird.


Diesem Theorieverständnis nun entspricht die Idee einer gemeinwohlorientierten Ökonomie vollauf. Die Debatte wäre demnach anders als bisher zu führen und zwar entlang von zwei Fragen: einmal, ob das von Christian Felber formulierte GWÖ-Konzept die Idee gemeinwohlorientierten Wirtschaftens auf plausible und schlüssige Weise konkretisiert – was bisher meines Wissens nicht bestritten wurde; und zum anderen, ob es sich an der Praxis prognostisch wie therapeutisch bewährt. Über Letzteres darf man sicherlich verschiedentlich urteilen. Aber keinesfalls muss Felbers Konzept in dieser Hinsicht einen Vergleich mit den oft schwungvoll an der Realität vorbeitanzenden „Theorien“ von Marx oder Hayek fürchten.